Patagonien vom 11.12.2016 – 10.01.2017
 
Die Reise sollte eine Hommage an diese immer noch entlegene und außergewöhnliche Region im Süden von Chile und Argentinien werden. Wir wollten Kontakte pflegen, uns Zeit für Details lassen und soziale Veränderungen aufgrund der Globalisierung und Überweidung erkennen. Ausgangspunkt war unser zweiter Wohnsitz in Barreal, Argentinien. Das Kisterl war unsere Versicherung für den Transport und Übernachtungen in Gegenden ohne Infrastruktur.

Patagonien 2016 - 2017

 
Der kleine Ort Sosneado, im Süden der Provinz Mendoza, war ein Versorgungsstützpunkt für die Estancias der Umgebung. Aus der einstigen Beschaulichkeit ist eine Tankstelle mit Imbiss an der Ruta 40 geworden. Der Rio Atuela allerdings mäandert nach Belieben im breiten Talboden. Der Zugang ist von alten Pappelreihen geschützt, als wollten sie ein Geheimnis bewahren. Einige Estancias betreiben noch Schafzucht. Hunde und Pferde sind immer noch treue und notwendige Begleiter. Nach ca. 70 km in die Welt der abenteuerlichen Anden wird der Weg unpassierbar. Die erste Seite der Reise ist aufgeschlagen.

Für uns ist der Pinchanchen der schönste Pass über die Anden. In der offiziellen Argentinienkarte fehlt ein entsprechender Eintrag. Ein Grenzer erzählte uns vor vielen Jahren von seiner Existenz. Ausgangspunkt auf argentinischer Seite ist Chos Malal. Nach wenigen Kilometer verlassen wir die Ruta 40 und folgen einem breiten Flusstal nach El Cholar. Das Tal verengt sich schnell zu Canyons. Die unbefestigte, gut gewartete Straße ist weit über den Talboden in die Hänge gegraben. Die Vegetation ändert sich langsam von wüstenähnlichen grauen, harten Gräsern in ein lebensfreundliches Grün. Hohe Pappelreihen zeugen von frühen Erschließungsaktivitäten. Fast wie in Bayern wird im Frühsommer das Vieh auf die Hochweiden getrieben.

  Patagonien 2016 - 2017
Patagonien 2016 - 2017

 
Die kleine argentinische Grenzstation ist nur tagsüber besetzt. Ein gewöhnungsbedürftiger sandiger Boden führt über die Passhöhe. Die chilenische Seite zeigt deutlich die Narben des Vulkanismus. Vulkanschlote, schwarze Lava und vielfarbiger Sand. Die blaue Languna La Laja ist in die Farbenvielfalt perfekt eingebunden. Der ganzjährig mit Eis gepanzerte Vulkan Antuco wirkt bedrohlich. Vor wenigen Jahren löschte ein Ausbruch das Leben im Umkreis von bis zu 50 km aus. 2005 hat hier ein seltenes Schneegewitter 48 jungen Soldaten das Leben gekostet. Ein Mahnmal erinnert an diese Tragik. Im Ort Antuco, auf chilenischer Seite, findet eine außergewöhnliche, 200 km lange Passquerung, ein Ende.

Für die Fahrt nach Chiloe bietet sich die autobahnähnliche Ruta 5 an. Im Halbstundentakt setzen Fähren vom Festland auf die Insel über. Die Chiloten, so nennen sich die Einwohner, sind fleißig, anspruchslos und zuverlässig (leicht steuerbar). Die Jesuiten nutzten diese Tugenden zu ihrem Vorteil. In den Buchten stehen noch heute die einmaligen Holzkirchen.

Die Familien lebten autark. Ein Gärtlein mit Gemüse, eine Kuh, fünf Schafe und die Fische aus der Bucht deckten den täglichen Bedarf. Mit dem Beginn der Lachszucht konnte Geld verdient werden, die Autarkie wurde dem Supermarkt geopfert. Heute, nach vierzig Jahren, stehen die tapferen Menschen vor einem Scherbenhaufen. In den riesigen Lachskäfigen finden sich mehr tote als lebendige Fische, das Wasser in den Buchten ist gekippt, die See bis zum Festland ist mit Salmonellen vergiftet. Das biedere Volk der Chiloten wurde von der Globalisierung überrannt und allein gelassen.
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Viele Häuser sind verwaist, andere versuchen sich wieder mit der Autarkie. Die Anbindung per Schiff ans Festland ist gut organisiert. Wir nehmen die Fähre von Quellon nach Cisnes auf dem Festland. Der Ort ist an die Carretera Austral angeschlossen. Eine 1.200 km lange, meist unbefestigte Straße, von Puerto Mont nach Villa O’Higgins im Süden. Der umstrittene General Pinochet hat sie von Soldaten erbauen lassen. Für die Einwohner Grund genug, den Geburtstag des Diktators immer zu feiern. Nach zwei Tagen gemütlicher Fahrt zwischen wilden Lupinien, gelben Ginstersträuchern und geschützten Parks mit Urwaldbeständen erreichen wir den Lago Carrera, der den türkisfarbenen Rio Baker speist. Hier spielte sich eine bemerkenswerte Erschließungsgeschichte ab.

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Lukas Bridges, ein smarter Engländer, hat in der Zeit zwischen den Weltkriegen das Land von der Ruta 40, in der Höhe von Baja Caracoles bis hinüber nach Chile und bis zur Mündung des Rio Baker verwaltet oder besser regiert. Ein heute noch außergewöhnlich vielfältiges und schützenswertes Land. Viele Geschichten ranken sich um den Mann, letztlich ging er als der Lord vom Baker in die chilenische Literatur ein. Wir werden einige Wirkungsstätten besuchen.


Der Rio Baker wird im Westen vom riesigen Nördlichen Eisfeld begrenzt. Bei guten Wetterbedingungen blitzen Eisströme zwischen bizarren Felsformationen auf. Zu Wasser geworden vermischen sie sich mit dem Baker und verwandeln das Türkis in ein Grau-Grün. Bridges nutzte den Fluss für den Transport der Wollballen nach Tortel mit Zugang zum offenen Meer, um die Märkte in Europa zu erreichen. Kurz vor dem Verwaltungsstützpunkt Cochrane zeigt ein Wegweiser zur Grenze nach Argentinien.
Kris Tompkins und ihr Mann Doug haben aus dem 70 km langen Tal einen der schönsten Naturparks geschaffen, den Parque Patagonia. Hier darf die Vegetation sich entfalten und die nicht domestizierten Tiere sich frei bewegen. An der Stelle des heutigen Parkzentrums war der Sitz der Estancia Valle Chacabuco unter Bridges. Der kleine, fast schon gemütliche Grenzübergang über den Paso Rudolfo Roballo ist zugleich der letzte vor dem großen Südlichen Eisfeld. Wir betreten die trockene, fast unbewohnte, in der Größe mit Deutschland vergleichbaren argentinischen Provinz Santa Cruz.

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Die verheerenden Folgen der Überweidung sind unübersehbar. Zu Bridges Zeiten weideten hier noch tausende von Schafen. Basis für die Estancia Posadas. Einstmals ein großer Umschlagplatz von Waren in beiden Richtungen vor dem Bau der Carretera. Fast jede Familie hat heute noch Angehörige auf der jeweils anderen Seite einer künstlichen Grenze.


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Bei Baja Caracoles verschwinden wir auf kaum befahrenen Wegen im weiten Santa Cruz. Überall die alten Schilder der aufgegeben Estancias. Am Boden nur noch die Reste einer Vegetation. Wir übernachten bei einer aufgegeben Estancia. Das Windrad zum Wasserpumpen ist abgefallen, die alte Wollpresse seit Jahren unbenutzt, das halbe Dach vom Sturm abgetragen. Am nächsten Morgen dann die große Überraschung. Auf dem Kamm einer Hügelkette stehen gegen die aufgehende Sonne eine Gruppe von Guanacos.
Sie signalisieren uns, wir kommen zurück in unser Land und übernehmen die Weideflächen. Eure kurze, von Gier getriebenen Anwesenheit ist zu Ende. Ähnlich Bilder begegnen uns immer wieder. Mit den Guanacos kommen die gefürchteten Pumas und sorgen für Unruhe.

Secundo, der erste Mensch seit Tagen, lebt alleine mit seinen Tieren auf der Estancia La Flora. Er wehrt sich noch gegen die Pumas. Mit seinen 10 kräftigen Hunden jagt er erfolgreich das Raubtier. Er ist nicht mehr der Jüngste, er wird nicht mehr lange vor Ort sein. Die ausgleichenden Kräfte der Natur sind dann endgültig vom Menschen unbeeinflusst. Diese Beobachtungen haben uns stark berührt. Die Natur ist in der Lage sich selbst wieder zu ‚reparieren‘.

In Sarmiento, dem ersten Ort in der Provinz Chubut, ergänzt Helga unsere Lebensmittelbestände. Wir versuchen uns zum zweiten Mal an der kleinen, 265 km langen Straße nach Paso de los Indios. Wir nennen sie Kreidezeit. Versteinerte Artefakte von Dinosauriern direkt an der Oberfläche unterstreichen den Eindruck. Die Landschaft wirkt nackt als wenn ein großes Betttuch beiseite gelegt wurde. Die Strukturen der Berge und die Farbenvielfalt der ausgetrockneten Seen wirken erdgeschichtlich alt.
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Es ist an der Zeit, eine Verschnaufpause einzulegen. Die Leichtigkeit des Rio Chubut Tals ist zum Erholen geeignet. Der Fluss führt ganzjährig Wasser. Am Oberlauf ein Volumen wie es sich für einen Fluss gehört, bis zur Mündung in den Atlantik bleiben nur noch ein paar Tropfen. Die Schönheit des Tales mit den ständig wechselnden monumentalen Uferausprägungen kann nicht über die harten Lebensbedingungen hinwegtäuschen. Seit unserem letzten Besuch vor fünf Jahren wurden etliche, wenn auch kleine, Estancias aufgegeben. Die Brücke über den Fluss, ca. zehn Kilometer vor dem Ort Paso del Sapo, nach Lagunita Salada ist fertiggestellt. Nach einer anspruchsvollen Auffahrt, bei Regen unbefahrbar, eröffnet sich uns eine windumtoste Hochebene wie im Bilderbuch. Der Zauber des ständigen Wechsels ist das Geheimnis dieses Landes. Unten im weiten Tal liegt Lagunita Salada, überwiegend von Mapuche bewohnt. Die halbfertigen kleine Häuser stehen ungeschützt voll im Wind.

 
Ein kleiner Wegweiser gibt uns wieder Orientierung. Er zeigt nach nach Paso del Sapo am Rio Chubut. Wir folgen der Fahrspur. Immer wieder müssen Weidezäune geöffnet und geschlossen werden. Wer weiß, welches Glück uns hierher verschlagen hat? Das des Risikobereiten, oder Unbedarften oder gar des Zivilisationsflüchtlings? Nahe der Estancia Traquetren dürfen wir uns hinter einer windschützenden Buschreihe für die Nacht einrichten. Elbio lebt hier ganzjährig mit seiner Frau und dem dreijährigen Sohn. Wasser kommt aus dem Brunnen, Strom für Lampen von Windrädern.
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Als echten Komfort verfügt die Familie über einen PickUp. Bis zum Laden und dem Gesundheitsposten in Paso del Sapo sind es 50 km. Wir durften hier eine seltene Harmonie erleben, am außergewöhnlichen Ufer eines trockenen Sees mit zufriedenen Menschen. In Paso del Sapo verwöhnten uns die Wirtin und ihre zwei Töchter mit einer hausgemachten Milanesa.

 
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Von der einstigen Vielfalt indigener Völker sind nur die Mapuche geblieben. Sie leben im nördlichen Streifen Patagoniens, raubeinig verfolgen sie ihr Ziel einer Unabhängigkeit. Insbesondere in Chile gibt es immer wieder gewalttätige Auseinandersetzungen, in Argentinien geben sie sich moderater. Sie bewahren ihre eigenständige Kultur und Religion. Dem gegenüber steht eine 90%ige Alimentierung durch den Staat. Trotz mehrfacher Kontaktaufnahme sind sie uns, mit wenigen Ausnahmen, fremd geblieben.

Ein Siedlungsgebiet liegt in der Provinz Neuquen, westlich vom Rio Alumine. Ebenfalls grimmig und fest verwurzelt geben sich die urweltlichen Araukarien Bäume. Die extremen Geschöpfe fühlen sich im reinen Sandboden oder auf blanken Felsen wohl. Wie könnte es auch anders sein, die Ernte der Araukarien Früchte ist ausnahmslos den Mapuche vorbehalten.
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Patagonien 2016 - 2017

 
Der Lago Diamante auf 4.500 m ist eines der landschaftlichen Highlights im Süden der Provinz Mendoza. Er entwässert spektakulär schnell auf 1.000 m. Auf dem Weg entstand ein gewaltiger Canyon. Findige Ingenieure erkundigten eine Trasse für eine schmale Straße, die Ruta 101. Auf der Brücke, bei Sonnenuntergang schließen wir das Buch unserer wahrscheinlich letzten Patagonien Reise. Das Land hat wieder einmal unsere Sinne in Besitz genommen.

19.01.2017
Helga & Gerhard